Rund 80 naturbegeisterte Menschen aus dem Ilm-Kreis und darüber hinaus kamen zum 7. Naturschutztag zusammen. Die Vertreterinnen und Vertreter aus Vereinen, Behörden, Wissenschaft und Ehrenamt nutzten die Gelegenheit, sich über aktuelle Entwicklungen, Projekte und Herausforderungen im Naturschutz auszutauschen.
Eröffnet wurde die Veranstaltung durch die 2. Beigeordnete Sandra Heißner vom Landratsamt Ilm-Kreis. In ihrem Grußwort unterstrich sie die große Bedeutung von Natur- und Umweltschutz in der Region und sprach insbesondere den zahlreichen Ehrenamtlichen ihren Dank aus, deren Engagement eine tragende Säule der praktischen Naturschutzarbeit darstellt.
Im Anschluss sprach Jens Müller, Vizepräsident für Internationale Beziehungen und Transfer der TU Ilmenau. Er betonte den hohen Stellenwert von Nachhaltigkeit und Biodiversität an der Universität – sichtbar in Studiengängen, Forschungsprojekten und praktischen Initiativen. Anhand konkreter Beispiele zeigte er, wie eng Wissenschaft und Naturschutz zusammenwirken.
Einen umfassenden Einblick in die Arbeit der Natura 2000-Station Gotha/Ilm-Kreis gab deren Leiterin Claudia Müller. Sie stellte zentrale Projekte vor, darunter große, durch das Bundesamt für Naturschutz geförderte Vorhaben wie „VIA Natura 2000 – Vernetzung für Insekten in der Agrarlandschaft zwischen Natura 2000-Gebieten in Thüringen“, „Weidewohne“ und „Rebhuhn retten – Vielfalt fördern“. Ergänzend wurden ENL-Projekte zur Aufwertung von Natura-2000-Gebieten erläutert, etwa am Wipfragrund-Stausee Heyda. Zudem informierte sie über den aktuellen Stand des geplanten Landschaftspflegehofes, dessen Organisationsstruktur sowie den Umzug in neue Räumlichkeiten nach Ichtershausen. Die Einrichtung des Landschaftspflegehof ist ein wichtiger Baustein, um Pflegemaßnahmen effizient zu bündeln und langfristig die Kulturlandschaft im Ilm-Kreis zu erhalten.
Andreas Mehm, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde, gab einen umfassenden Überblick über die Entwicklungen des vergangenen Jahres. Ein besonderes Highlight war die Ausweisung des Geschützten Landschaftsbestandteils (GLB) Thiele-Moor, das zuvor als Flächennaturdenkmal (FND) bestand – gewidmet Andreas Thiele, der zunächst als Kreisnaturschutzbeauftragter und später als Leiter der Unteren Naturschutzbehörde die Naturschutzarbeit nachhaltig geprägt hat.
Darüber hinaus wurden rund 60.000 Euro an Eigenmitteln für die Pflege von Schutzgebieten und Baumdenkmalen eingesetzt.
Im Bereich Amphibienschutz wurden neue Wege beschritten: So konnte durch die Zusammenarbeit mit dem Marienstift Arnstadt der Aufbau mobiler Krötenzäune in Rippersroda, Angelroda und Altenfeld abgesichert werden, während in Manebach die Verantwortung an die Stadt Ilmenau überging. An der Oehrenstocker Landstraße in Ilmenau wurde eine weitere feste Amphibienschutzanlage in Betrieb genommen. Besonders hervorgehoben wurde die unverzichtbare Unterstützung durch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer bei der Betreuung der mobilen Krötenzäune. Auch zum Thema Biber gab es Einblicke: Die Population wächst weiter und die Reviere verdichten sich, was sich auch an der Zahl der Verkehrsopfer ablesen lässt. Allein im vergangenen Jahr verendeten sieben Tiere im Straßenverkehr. Besorgniserregend sind zudem Straftaten gegen streng geschützte Arten, darunter die illegale Tötung des Leitwolfes aus dem Neustädter Rudel, eines Bibers sowie eines Sperbers. Alle Fälle wurden zur Anzeige gebracht.
Innovative Ansätze im Naturschutz stellte Marco Seeland von der TU Ilmenau vor. Unter dem Titel „Artenschutz in der Hosentasche“ zeigte er, wie Künstliche Intelligenz und Citizen Science das Biodiversitätsmonitoring verändern. Er erläuterte Funktionsweisen, Chancen und Herausforderungen solcher Systeme und stellte Projekte wie Flora Incognita und BeesUp vor. Die gewonnenen Daten liefern wertvolle Erkenntnisse, etwa zur Verschiebung von Blühzeiten und daraus resultierenden Mismatch zwischen Pflanzen und Bestäubern.
Erwin Schmidt vom LBV Mittelthüringen e. V. berichtete über Erfahrungen mit sogenannten produktionsintegrierten Kompensationsmaßnahmen (PIK), einem Ansatz, bei den Naturschutz-maßnahmen direkt in landwirtschaftliche Nutzung eingegliedert werden. Am Beispiel der Segetalflora im Landkreis Sömmerda erläuterte er, wie bedrohte Ackerwildkräuter geschützt werden können. Bemerkenswert ist dabei der Aufbau einer Diasporenbank, bei der im Boden innerhalb weniger Jahre Samen langfristig gespeichert werden können.
Thomas Meineke von der Biologischen Landeserkundung präsentierte die Langzeituntersuchung im Naturschutzgebiet Jonastal. Jährlich werden etwa 50–60 % der Tiere dabei erfasst. Besonders im Fokus stehen die Rotflüglige Ödlandschrecke und die Rotflüglige Schnarrenschrecke, deren Lebensräume trocken, warm und vegetationsarm sein müssen – Bedingungen, die durch Nutzungsänderungen zunehmend gefährdet sind.
Mit großer Anschaulichkeit schilderte Sybille Huck das erste Jahr der Moorfroschaufzuchtstation. Sie zeigte nochmals die dramatische Bestandssituation im Gebiet auf und erläuterte die täglichen Herausforderungen in der Aufzuchtstation wie Frostnächte, Beckenpflege, unterschiedliche Entwicklungsstadien und Fütterung. Aus nur 11 entnommenen Laichballen entwickelten sich über 4000 Kaulquappen. Ein Großteil davon, wurde im fortgeschrittenen Quappenstadium wieder ausgewildert. Ein Teil der Kaulquappen verblieb in der Station und wuchs zu gut 1500 Jungfröschen heran, die Ende Juni 2025 in die Freiheit entlassen wurden. Auch die Umweltbildung spielt eine wachsende Rolle – so wird in diesem Jahr eine Moorfrosch-AG mit Kindern der Grundschule Gehren starten.
Das ENL-Projekt „1001 Teich(e)“ wurde von Steffen Lehmann von der Natura 2000-Station Auen, Moore, Feuchtgebiete vorgestellt. Ziel ist die ökologische Aufwertung der Moorfroschhabitate in den Pennewitzer und Plothener Teichgebieten. Denn neben der Unterstützung der Moorfroschaufzucht liegt der Schwerpunkt auf der Verbesserung von Laichgewässern und Sommerlebensräumen. Dabei wurde deutlich: Die Aufzuchtstation ist nur eine Übergangslösung – langfristig müssen stabile Populationen in der Natur gesichert werden.
Martin Biedermann von NACHTaktiv präsentierte faszinierende Ergebnisse aus dem Nationalen Artenschutzprogramm zum Kleinen Abendsegler. Im Rahmen eines Bundesprojektes konnten erstmals detaillierte Daten zur Migration des Kleinen Abendseglers erhoben werden. Insgesamt wurden 158 Tiere besendert, einige davon aus dem Kastengebiet bei Lehmannsbrück. Eindrucksvoll war die dokumentierte Flugleistung eines Tieres, das in nur einer Nacht rund 380 Kilometer bis zum Bodensee zurücklegte. Gleichzeitig werfen die Ergebnisse neue Fragen auf, etwa nach geeigneten Rastplätzen oder dem Flugverhalten im Alpenraum.
Als Abschluss folgte der bildgewaltige Multivisionsvortrag „Naturschätze Thüringens“ von Wolfgang Hock. Mit beeindruckenden Aufnahmen gewährte er Einblicke in die Jungenaufzucht der Spechte, das Leben des Feldhamsters und viele weitere Naturjuwelen Thüringens gab. Der Vortrag erinnerte eindrucksvoll daran, wie wertvoll und schützenswert die Natur vor unserer Haustür ist.
Auch die Pausen wurden intensiv für Gespräche und Vernetzung genutzt. Für das leibliche Wohl sorgte die Keferküche mit saisonalen Speisen in Bioqualität.
Wir freuen uns darauf, Sie im nächsten Jahr zum 8. Naturschutztag begrüßen zu dürfen.
